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Alexandra Bader

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2005-02-22

100% Mann, 0% Frau, 1000% Wiederaufbau?

Zum Gedankenjahr 2005

"Nehmen wir die allererste größere Gedenkfeier als Richtschnur, bei der an jenem 14.1.2005 im Reichsratssitzungssaal das 'offizielle Österreich' versammelt war, so wird das Gedankenjahr 2005 zumindest weitgehend frauenlos ablaufen."

Alexandra Bader, Chefredakteurin des ezines www.ceiberweiber.at fokusiert im vorliegenden Artikel einen zumeist völlig vernachlässigten Aspekt in der Debatte um dieses unsägliche Gedankenjahr 2005.

Auf www.ceiberweiber.at findet sich darüber hinaus eine breite Palette weiterer Beiträge zum Thema.

"Roman Herzog schwieg. Er schwieg, als er als Privatperson(!) zu der jüdischen Trauerfeier ging und jedes Interview an diesem Tag verweigerte. Er habe sich hier nicht zu äußern, erklärte er damals demütig und stellte sich und das Amt des Bundespräsidenten hinter das Leid der Opfer. Er schwieg und nahm im wahrsten Sinne des Wortes 'An-teil' an der jüdischen Trauer. Keinem deutschen Politiker ist seither eine ähnlich wahrhaftige Geste gelungen. Und wir werden wohl auch dieses Jahr auf solche Wahrhaftigkeit verzichten müssen. Wir werden es wohl auch nicht erleben, dass sich - vor allem - das Fernsehen die Mühe machen wird, den Opfern den Raum zu bieten, den sie benötigten. Die wahre Geschichte dieser Menschen lässt sich nicht ohne weiteres in die gängigen Fernsehformate pressen. Doch welcher Sender erlaubt es sich, heute noch mehrere Stunden Sendezeit zu 'verschenken', die kaum Quote bringen?"

Richard Chaim Schneider schreibt dies in der Süddeutschen Zeitung am 14.1.2005, "Abhanden gekommen: Juden als Statisterie - zum Gedenkjahr 2005", wo er als positives Beispiel das Verhalten Herzogs bei der Trauerfeier der Juden in Auschwitz nimmt, welche diese 1995 am Tag vor der Feier des polnischen Staates veranstalteten, da sie bei dieser nicht vorkamen. Seine Anmerkungen könnten auch für Österreich als Mahnung dafür dienen, dass es nicht so einfach ist, Gedenken würdig zu gestalten auch für die Opfer und ihre Nachkommen. Eine Menge an Veranstaltungsankündigungen gibt es hierzulande wie in Deutschland, bei denen die Opfer und ihre Perspektive durchaus vorkommen. Freilich besteht die Gefahr, dass bei uns ein Gedenkkuddelmuddel entsteht, da es nicht nur um 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur geht, sondern auch um: 50 Jahre Staatsvertrag, 50 Jahre Fernsehen (und erst jetzt eine GeneralintendantIN), 10 Jahre EU-Beitritt. 30 Jahre Fristenregelung ist wiederum etwas, dessen nur manche per Veranstaltung gedenken werden, und 70 Jahre Nürnberger Gesetze, deren Auswirkungen im Vergleich zu ihrer einstigen Anzahl nur wenige europäische und russische Juden das Kriegsende erleben ließen, wird kaum erwähnt.

Nehmen wir die allererste größere Gedenkfeier als Richtschnur, bei der an ebenjenem 14.1.2005 im Reichsratssitzungssaal das "offizielle Österreich" versammelt war, so wird es zumindest weitgehend frauenlos ablaufen. Die 2. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erklärte mir den Männer-Redemarathon hinterher so, dass es nach hierarchischen Funktionen ging, die nun mal nur Männer innehaben. Als da waren und sind: Bundespräsident, Bundeskanzler, Vizekanzler, Klubobmänner, Bundesratspräsident. Einer der Männer wies darauf hin, dass der Zweite Weltkrieg Anfang 1945 noch nicht vorbei war und in den Konzentrationslagern noch gemordet wurde. Alle waren sich aber einig, dass ab 1945 nur mehr Anlass zu allergrößtem Stolz auf unser Österreich bestehe, das dann so tapfer wiederaufgebaut wurde.

Die Worte Konzentrationslager und jüdische Opfer waren im Vergleich zum Jubel über den Wiederaufbau eher spärlich gefallen, was insofern auch verständlich ist, als dass niemand entsprechenden Background hatte. Selbst wenn die Herren Biografisches nur andeuteten, war doch klar, dass die Herkunft aus der Wiederaufbaugeneration verbindendes Element ist. Wir hörten von "Vorvätern", armen Großvätern, einer Multikulti-Donaumonarchie, Vertriebenen, Bomben, Zerstörung, Not, Bauern, die junge Männer versteckten, die nicht in einen längst verlorenen Krieg wollten, von Emigranten, mit denen dann "beschämend" umgegangen wurde, und von listenreichen Staatsvertragsverhandlungen. In einem Filmbeitrag, der auf eine ORF-Dokuserie neugierig machen sollte, sahen wir den einstigen Kanzler Vranitzky 1991 von einer Mitschuld Österreichs sprechen, als nicht nur der Beitritt zur damaligen EG konkreter wurde, sondern auch die Verhandlungen um eine Restitution gegenüber jüdischen Opfern.

War das alles? Wäre, Hierarchie hin oder her, berücksichtigt worden, dass die Bevölkerung Österreichs nun mal zu 52% aus Frauen besteht, hätten Rednerinnen vielleicht mehr Persönliches einfließen lassen. Dass damals wie heute auch FRAUEN in Österreich lebten, kam allenfalls manchmal als die "Männer UND Frauen" vor, die den sagenhaften Wiederaufbau leisteten. Manch ein Mann, der heute Karriere gemacht hat, ist jedoch Sohn einer Mutter, die ihn mangels Mann (Kriegsgefangenschaft, vermißt, sonstwie abhanden gekommen in einer chaotischeren Zeit) alleine durchbringen mußte, und dies in Zeiten der Armut. "Meine Mutter" war jedoch nie zu hören. Hätten Frauen verschwiegen, dass es die Frauen waren, die den Alltag organisierten, und dies in einer Zeit ohne unsere technischen Hilfsmittel, wo Haushalt auch ohne das Anstellen um Lebensmittel und ohne Not und Mangel eine aufwendige Sache war?

Oder hätten Frauen daran ebenso erinnert wie an die Tatsache, dass die NaziHERRschaft auch die bereits erkämpften Rechte von Frauen, ihre Selbstorganisation entscheidend zurückwarf? Dass Verhütungsmittel unerreichbar waren und auf Abtreibung die Todesstrafe stand? Dass Frauen nicht nur Kinder bekommen mußten, egal wie ihre wirtschaftliche Lage war, sondern auch immer mehr gezwungen wurden, kriegswichtige, aber gefährliche Arbeiten zu übernehmen? Dass Frauen für Widerstand mit Tod und Gefängnis bezahlen mußten, dass aber in den Gerichtsakten der Nachkriegszeit Denunization (oft mit schwerwiegenden Konsequenzen bis zum Tod) ein häufig von Frauen begangenes Verbrechen war? Und dass dann, nach dem Ende der NaziHERRschaft besonders Frauen den Preis bezahlen mußten, die aus Rache für die Grausamkeiten auch ihrer Männer von russischen Soldaten vergewaltigt wurden? Schließlich gab es die Frauen und Mädchen (und Männer und Kinder), die als Überlebende des Holocaust in ein Österreich kamen, dessen "Gründerväter" (der Zweiten Republik) von Anfang an klarmachten, dass Juden hier nicht erwünscht sind. Ihr Leid ist für uns andere, die Mehrheitsbevölkerung, die Nachkommen der Nichtjuden, absolut unvorstellbar.

2005 wird nicht nur an 1945 gedacht, doch wie ging es dann weiter für Frauen? Wir wissen, dass Frauen in Zeiten von Kriegen immer mehr in sogenannten Männerberufen gebraucht und dann aus diesen wieder vertrieben werden, um Platz zu machen für Heimkehrer. Gesundheitlich und seelisch schwer geschädigte Männer nahmen in den Familien jedoch oft nicht die Rolle des (patriarchalen) Oberhauptes ein, sondern es blieb Aufgabe der Frauen, alles zu checken und für alle zu sorgen. In der Politik mischte nur eine Frau mit, Margarete Ottillinger, die wegen angeblicher Spionage von den russischen Besatzern verhaftet und in ein Lager gebracht wurde. Erst letztes Jahr erschien ein neues Buch über sie, in der ihre Geschichte in einer Weise erzählt wird, dass ihr Gerechtigkeit widerfuhr. Bei der Leserin entsteht freilich der Eindruck, sie sei den Männern auch ganz einfach lästig gewesen als Frau, die etwas mitzureden hat. Nach ihrer Heimkehr, psychisch und physisch gezeichnet, leistete sie weiter Pionierinnenarbeit - die erste Frau in der Verstaatlichten Industrie.

Die Zeit seit 1945 brachte uns später auch die erste Ministerin Grete Rehor, die erste Nationalbankpräsidentin Maria Schaumayer, schließlich auch erste Frauenministerinnen und erste Ministerinnen in "Männerbereichen" wie Inneres, Justiz, Äußeres. Auf die erste Bundeskanzlerin und die erste Bundespräsidentin warten wir immer noch, während eine Gedenkfeier mit hierarchischem Ablauf vor ein paar Jahren doch die eine oder andere RednerIN aufgewiesen hätte. Gemessen am Willen, Zeiten der Diktatur hinter sich zu lassen, dauerte der Fortschritt bei Frauenrechten doch recht lange. Immerhin waren wir bis Anfang der 70er Jahre noch der Gewalt (durchaus nicht nur juristisch, sondern auch wörtlich zu nehmen!) von Ehemännern unterworfen, "durften" beispielsweise nicht aus eigenem Willen berufstätig sein. Unser eigenständig erworbenes Vermögen etwa durch Berufsarbeit floß in das der Familie = des Mannes ein.

Einen ähnlich schlechten Status haben heute noch viele Migrantinnen, die mit dem Aufenthaltsrecht von Ehemann Staat nicht auch automatisch das Recht zu arbeiten erhalten. Folge: Abhängigkeit vom migrantischen Ehemann und beinahe-Unmöglichkeit der Trennung etwa bei Gewalttätigkeit des Mannes. Apropos Gewalt: eigentlich sollten ja jene Bevölkerungsgruppe, in der es Mitglieder gibt, die anderen gegenüber Gewalt ausüben, energisch Maßnahmen dagegen ergreifen und mit jeder Handlung demonstrieren, dass derlei Verhalten absolut unerwünscht ist. Tatsächlich ist die breite Palette an Hilfsangeboten für Opfer, die es heute zum Glück gibt, jedoch hauptsächlich dem Engagement jener Bevölkerungsgruppe zu verdanken, aus der jede fünfte im Laufe ihres Lebens Opfer häuslicher Gewalt wird. Das erinnert an den Umgang mit der Gewaltform Antisemitismus: auch hier müßte jene Bevölkerungsgruppe, aus der Täter stammen, energisch eingreifen, statt es vor allem der Gegenwehr der Opfer zu überlassen.

Die Parallelen sind sehr deutlich: auf Webseiten von Fraueninitiativen und Beratungsstellen finden wir Tipps für Opfer samt Notrufnummern. Auf der Webseite der Israelistischen Kultusgemeinde finden wir ebenfalls Tipps (etwa: wie erkenne ich eine Briefbombe? wie verhalte ich mich bei Drohungen?) und Notrufnummern. Aus den bei uns raren Therapien von Tätern im Bereich häuslicher Gewalt ist bekannt, dass diese Männer den Opfern Schuld für ihre eigenen Handlungen geben, obwohl es die Entscheidung jedes Menschen ist, wie er oder sie auf das reagiert, was jemand anderer sagt oder tut. Die große therapeutische Herausforderung ist hierbei, den Täter dazu zu bringen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Gleiches gilt wohl für Antisemitismus: es ist vollkommen egal, wie sich unsere jüdischen MitbürgerInnen verhalten, wir haben die Verantwortung für unsere Reaktionen. Ähnlich ist auch das Verhalten von unterschiedlichen Gewalttätern in Situationen, wo selbst ihnen klar ist, dass Gewalt nicht erwünscht ist und sanktioniert wird. Berichte über häusliche Gewalttäter, die ihre Chefs schlagen, sind eher selten...

Was haben wir Frauen nun wirklich zu gedenken? Wir sollten, solange es noch die Möglichkeit gibt, unsere Großmütter und Mütter, vielleicht auch Urgroßmütter nach ihren Erlebnissen fragen. Zu entdecken gibt es da zum Beispiel einen unvorstellbaren Aufwand mit Haushaltstätigkeiten, meist auch noch mit einer weit höheren als heute üblichen Kinderzahl verbunden. Und im einen oder anderen Fall auch sehr emanzipiertes Verhalten samt Berichten über die Reaktionen der Umwelt. Wir können uns dann in sie einfühlen und Traditionen sehen, was durchaus (etwa bei Nazinachkommen) mit einem entschiedenen Ablehnen der Haltungen unserer Vorfahren vereinbar ist. Wir sollten besonders auch jene einfühlsam zum Reden ermuntern, deren Erfahrungen das weit übersteigen, was die Mehrheit erlebte und erlitten hat. Es ist auch unser weibliches "Gedankenjahr" 2005!

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